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Tourismusindustrie vs. Naturerlebnis

Ein Morgen zwischen Schneekanonen und Stille im Brixental

Es war noch früh, als ich mit den Grödeln (darüber gibts einen eigenen, asführlichen Blogbeitrag) losgegangen bin. Diese besondere Zeit, in der der Tag noch nicht entschieden hat, ob er laut oder leise wird. Über die Pisten hinauf, ein Stück freies Gelände, Schritt für Schritt Richtung Mittelstation der Alpenrosenbahn in Westendorf. Das Brixental schläft zu dieser Stunde noch, zumindest wirkt es so.

Was mich begleitet hat, war nicht nur das Knirschen, wenn die Grödl in die eisige Piste einstechen. Es waren die Schneekanonen. Viele. Geschätzt alle 60m eine. Sie liefen, eine nach der anderen, in gleichmäßigem Rhythmus. Technisch perfekt. Effizient. Unübersehbar.

Ich bin an ihnen vorbeigegangen, habe den feinen Schneestaub in den Scheinwerfern gesehen, das künstliche Weiß, das sich über den Hang legt. Und trotzdem war dieser Morgen für mich schön. Erholsam sogar. Die Bewegung, die kalte Luft, der Blick hinüber zur Hohen Salve, wenn das erste Licht langsam Konturen schafft.

Schließlich stand ich beim Speicherteich an der Mittelstation. Beinahe leer. Bis auf das knacken des brechenden Eis.

Je länger ich dort gestanden bin, desto mehr hat sich dieses eigenartige Gefühl eingestellt: Wie normal uns diese Extreme inzwischen geworden sind.


Nächtlicher Blick von der Alpenrosenhütte zur Hohen Salve
Nächtlicher Blick von der Alpenrosenhütte zur Hohen Salve

Wenn Natur zur Infrastruktur wird

Ich bin im Brixental aufgewachsen. Die Berge waren nie Kulisse, jedenfalls war mir das nie bewusst, sie waren einfach da. Jahreszeiten haben den Takt vorgegeben, nicht Betriebszeiten. Heute sind viele unserer Berge hochprofessionelle Arbeitsräume geworden. Durchgeplant, beschneit, modelliert.

Der Wintertourismus ist Lebensgrundlage für unsere Region. Er schafft Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Perspektiven. Ohne ihn sähe das Tal anders aus. Wahrscheinlich stiller, aber auch leerer.

Und trotzdem stellt sich mir immer öfter die Frage: Wo endet das Naturerlebnis, und wo beginnt die Inszenierung?

Wenn Schnee produziert wird, damit ein Erlebnis funktioniert. Wenn Wasser gespeichert wird, um Winter planbar zu machen.Wenn Ruhe nur noch in Randzeiten existiert.


Wenn der Naturschnee fehlt, muss die Technik eingreifen
Wenn der Naturschnee fehlt, muss die Technik eingreifen

Technische Beschneiung: Zahlen, die nachwirken

Die heutige Beschneiung scheint technisch hochentwickelt, ökologisch bleibt sie ein erheblicher Eingriff.

Für die Erzeugung von technischem Schnee werden – abhängig von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Technik – durchschnittlich 2.000 bis 4.000 Kubikmeter Wasser pro Hektar Piste und Saison benötigt. Das entspricht 2 bis 4 Millionen Litern Wasser pro Hektar. (Quelle: Internetrecherche) Dieses Wasser wird überwiegend in Speicherteichen gesammelt, die i aus lokalen Gewässern gespeist werden.

Auch wenn das Wassers bei der Schneeschmelze wieder in den natürlichen Kreislauf zurückkehrt, bleibt der zeitliche und räumliche Eingriff in alpine Ökosysteme beträchtlich.

Hinzu kommt der Energiebedarf. Moderne Schneekanonen sind effizient, dennoch liegt der Stromverbrauch pro Hektar Skipiste je nach Rahmenbedingungen zwischen 25.000 und 45.000 Kilowattstunden pro Saison.(Quelle: Internetrecherche) Damit erreicht die Beschneiung einen Energiebedarf, der dem jährlichen Stromverbrauch vieler Haushalte entspricht.


Technik und Naturerlebnis müssen sich nicht unbedingt ausschließen
Technik und Naturerlebnis müssen sich nicht unbedingt ausschließen

Klimawandel und Wintersport im Alpenraum

Der zentrale Treiber dieser Entwicklung ist der Klimawandel. Die Schneesicherheit in den Alpen nimmt seit Jahrzehnten ab, insbesondere in Höhenlagen unter 1.500 Metern. Auch Regionen wie die SkiWelt Wilder Kaiser – Brixental sind davon betroffen, wie mittlerweile alle merken.

Der Weltklimarat IPCC zeigt in seinem aktuellen Sachstandsbericht, dass sich die Dauer der natürlichen Schneedecke in den Alpen seit den 1980er-Jahren deutlich verkürzt hat. Selbst bei moderaten Klimaschutzszenarien wird sich dieser Trend fortsetzen. Für den Wintersport bedeutet das eine zunehmende Abhängigkeit von technischer Beschneiung, mit steigendem Wasser- und Energieeinsatz.

Mehr Technik wird eingesetzt, um kürzere und wärmere Winter auszugleichen. Das Skierlebnis bleibt damit aufrecht, wird jedoch immer stärker von Infrastruktur getragen.


Ein persönlicher Widerspruch

Das Paradoxe an diesem Morgen war: Ich habs dennoch genossen.

Ich war draußen. Ich war allein. Ich war in Bewegung. Und gleichzeitig bin ich Teil genau dieses Systems. Als Bergwanderführer, als begeisterter Skifahrer, als Einheimischer, als jemand, der vom alpinen Tourismus lebt und ihn mitgestaltet.

Vielleicht liegt genau hier der Kern des Widerspruchs. Man kann sich in dieser Landschaft erholen und sie gleichzeitig kritisch betrachten. Beides schließt sich nicht aus.


Zwischen Schneekanone und Stille

Diese Gedanken haben mir an diesem Morgen keine Erholung genommen. Aber sie haben ihr eine andere Tiefe gegeben.

Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung für alpine Tourismusregionen wie das Brixental: nicht die Frage, ob Tourismus stattfindet, sondern wie bewusst wir ihn gestalten.

Zwischen Speicherteich und Schneekanone, zwischen Stille und Technik, liegt kein Entweder-oder. Aber ein Spannungsfeld, das man wahrnehmen darf. Und vielleicht auch muss.

Ich bin heute Morgen mit mehr Fragen als Antworten wieder talwärts gelaufen Und vielleicht ist genau das ein guter Anfang.


Daten und Fakten zur Beschneiung in Tirol

Beschneite Pistenfläche

∼5 400 ha

Wasserverbrauch/Saison

∼16 Mio. m³

Stromverbrauch/Saison

∼90 GWh

Kosten Beschneiung/Saison

120 – 160 Mio. €

Investitionskosten pro ha

∼140 000 €

Wasserrückfluss

100 % naturverfügbar



Quellen

  • IPCC. (2021). Climate Change 2021: The Physical Science Basis. Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/9781009157896

  • Rixen, C., Teich, M., Lardelli, C., Gallati, D., Pohl, M., Pütz, M., & Bebi, P. (2011). Winter tourism and climate change in the Alps: An assessment of resource consumption, snow reliability, and future snowmaking potential. Mountain Research and Development, 31(3), 229–236. https://doi.org/10.1659/MRD-JOURNAL-D-10-00112.1

  • Steiger, R., & Mayer, M. (2008). Snowmaking and climate change: Future options for snow production in Tyrolean ski resorts. Mountain Research and Development, 28(3/4), 292–298. https://doi.org/10.1659/mrd.0978



 
 
 

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